Licht und Kraft / Losungskalender

Zur Geschichte des Andachtsbuchs „Licht und Kraft“ und des Aue-Verlags

Unwahrscheinlich, dass es einen Menschen gibt, der sich an das Erscheinen des ersten Jahrgangs im Jahr 1905 erinnern kann. Aber es ist spannend, den Weg dieses Buches nachzuvollziehen.

Der Gründer Joseph Gauger

Joseph Gauger hatte bei der Gründung die Hausandacht im Auge. Und er beschreibt im Vorwort zur ersten Ausgabe von Licht und Kraft, „dass er sich von Kind auf gar keine Morgenandacht denken kann ohne dieses liebe vertraute Büchlein (gemeint sind die Losungen der Brüdergemeine)“. So war es ihm eine große Freude, dass er „das Losungsbüchlein“ zur Grundlage für die Tagesandachten machen konnte: „Dass die Unitätsdirektion es für unsern Zweck hergegeben hat, ist ein Entschluss, für den die oft missbrauchte Bezeichnung hochherzig gewiss nicht zuviel ist. Die Betrachtungen dieses Buches sehen denn ihre Hauptaufgabe darin, das Tageswort der Losung und des Lehrtextes behältlich zu machen.“

Darüber hinaus ging es von Anfang an darum, den Menschen die Bibel nahezubringen: „Der sehr erfreulichen Beobachtung, dass in manchen Häusern nun doch eine Betrachtung gelesen wird, die früher ohne jedes Gotteswort in den Tag hineingingen, steht die minder erfreuliche Erfahrung gegenüber, dass die Bibel nicht genug gelesen wird und dass die Bibelkenntnis abnimmt.“

Als der erste Band von Licht und Kraft erschien, war das ein wirtschaftliches Risiko, das kein Verlag tragen wollte. Da dem Gründer aber dieses Werk so am Herzen lag und er von seinem Konzept überzeugt war, übernahm er dieses Risiko persönlich. Ob ein zweiter Jahrgang würde erscheinen können, stand noch in den Sternen. Aber der zweite Jahrgang erschien, und es konnte sogar eine zweite Auflage von Licht und Kraft 1906 gedruckt werden.

Das Grundkonzept war also von den Lesern bestätigt worden, auch wenn es von Anfang an (und bis heute) auch Kritik und Wünsche gab, denen nicht in allen Fällen entsprochen werden konnte, weil sie sich teilweise gegenseitig widersprachen: „dem einen sind die Betrachtungen zu einfach, dem anderen zu hoch; dem einen sind sie zu konfessionell, dem andern nicht konfessionell genug; einer wünscht längere Betrachtungen, ein anderer längere Gebete.“ (1907) Hier zeigt sich, dass dieses Buch von Anfang an lebendig war und sich entwickelte. Und es zeigt sich auch ein Anliegen, das der Redaktion von Licht und Kraft bis heute wichtig ist: „Der Herr bewahre unsere Hausandacht vor Schläfrigkeit und vor jeder Art von Mechanismus.“ (1909)

Um 1959: der Aue-Verlag
im Nebengebäude einer Papierfabrik

In ernste Schwierigkeiten kam Licht und Kraft in der Zeit des Ersten Weltkriegs. Papier wurde knapp und teuer, sodass erwogen wurde, einen oder mehrere Jahrgänge auszusetzen. Die Alternative war ein erheblich höherer Verkaufspreis. Der Herausgeber war sich unsicher, machte eine kleine Leserumfrage – und war von der Resonanz überwältigt: Postkarten, Briefe, Telegramme gingen ein, eine ganze Flut von Ermunterungen weiterzumachen. Die Leser hielten also dem Buch die Treue, auch in schwierigen Zeiten, in denen der Preis bis 1921 auf 15 Mark verzehnfacht werden musste. Aber die allgemeine wirtschaftliche Lage spitzte sich immer weiter zu. Das „Hagelwetter der Inflation“ (Gauger), machte es unmöglich, die Jahrgänge 1924 und 1925 herzustellen. Dem Drängen der Leser war es zu verdanken, dass 1926 Licht und Kraft wieder erschien. Allerdings lagen noch viel größere Schwierigkeiten vor dem Werk: Am 1. Februar 1939 starb der Gründer. Siegfried Gauger, ein Sohn, trat an die Stelle von Joseph Gauger als Herausgeber. Gleichzeitig wuchs der Druck der Nazi-Regierung: Rede-, Schreib- und Aufenthaltsverbote lasteten auf vielen Autoren, wenigstens zwei von ihnen mussten in Konzentrationslager. Das Reichspropagandaministerium verbot Licht und Kraft. Selbstverständlich gab es keine Papierzuteilungen. Trotz allem konnten 1941 und 1942 noch Notausgaben erscheinen. Dann war zunächst endgültig Schluss.

Emeline, Siegfried und
Thomas (4 Jahre) Gauger

Kurz vor der Währungsreform fragte der Aue-Verlag vorsichtig bei den Lesern, deren Anschriften man rekonstruieren konnte, ob nach der langen Unterbrechung Licht und Kraft wieder erscheinen sollte. Und es war ähnlich wie bei der ersten Unterbrechung während der Inflationszeit: Nicht nur mit Worten, auch mit Taten stimmten sie für einen Neuanfang. Um Druckpapier herstellen zu lassen, musste der Verlag Altpapier an die Papierfabrik liefern. Aber Altpapier war nicht vorhanden. Wieder sprangen die Leser in die Bresche und schickten Pakete mit Altpapier, genug für einen ganzen Jahrgang. So konnte man die Ärmel aufkrempeln und 1949 das Projekt wieder starten. Die Familie des Gründers arbeitete zusammen. Siegfried Gauger als Herausgeber, sein Bruder Joachim Gauger übernahm die verlegerische Betreuung. Licht und Kraft konnte sich langsam wieder entwickeln.

Anfang der siebziger Jahre gab es dann erste Überlegungen, Kräfte zu bündeln und gemeinsam mit dem bestehenden Losungskalender mit ähnlicher Konzeption weiterzuarbeiten. 1974 erschien dann zum ersten Mal LICHT UND KRAFT/LOSUNGSKALENDER, herausgegeben von der Herrnhuter Brüdergemeine und Siegfried Gauger in Coproduktion der Verlage Ernst Kaufmann und Aue-Verlag. Weitere Zäsuren waren der Tod von Siegfried Gauger 1981 und Joachim Gauger 1988. Seither bemüht sich Thomas Gauger, ein Enkel des Gründers, die Tradition dieses Buches fortzusetzen in enger Zusammenarbeit mit der Brüdergemeine.






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