Licht und Kraft / Losungskalender

Die Anfänge der Losungen und ihre weltweite Verbreitung

Diese geistliche Gemeinschaft, die auf dem Gut des Grafen Zinzendorf entstanden war, ist die Wiege der Losungen. Zunächst hatte das enge Zusammenleben in der jungen Flüchtlingssiedlung Herrnhut immer mehr zu Spannungen geführt, bis die Zerstrittenen in einer Abendmahlsfeier am 13. August 1727 zusammenfanden und von Gottes Güte überwältigt waren. Sie machten damals die Erfahrung, dass eine Einigung nicht durch organisatorische Anstrengungen geschaffen werden kann, sondern das Werk des Heiligen Geistes ist. Das lebendige Wort Gottes ist Quelle und Mitte jeder christlichen Gemeinde.

Titelseite der ersten
gedruckten Ausgabe von 1731

Zinzendorf legte großen Wert darauf, dass das Wort Gottes in unser Leben und in den Alltag hineinkommt. Denn es geht doch immer um den ganzen Menschen. So hatte er eines Abends, am 3. Mai 1728, als die Gemeinde zur Singstunde beisammen war, den Versammelten ein Wort für den nächsten Tag mitgegeben. Es sollte sie als Tages-Parole begleiten. Wie man im Krieg bei den Soldaten täglich eine Losung ausgibt, so sollte dies eine Wort sie alle miteinander zum Kampf gegen den Ungeist verbinden, der die Gemeinschaft bedrohte. „Es ist sehr nötig, mit einerlei Sinn gewappnet zu sein, einmütig und einhellig in einerlei Regeln zu stehen und mit zusammengesetzten Kräften die Macht der Finsternis anzugehen.“ So schrieb damals der Zimmermann Christian David aus der Herrnhuter Gemeinde.

Es wurde in der folgenden Zeit zur festen Sitte, dass in Herrnhut an jedem Morgen ein oder zwei Brüder durch den Ort gingen und in jedes Haus die Tageslosung brachten. So wurden alle Glieder täglich besucht. Mit dem Wort gingen sie dann an die Arbeit, dachten darüber nach und tauschten sich aus. Zugleich lernten sie auf diese Weise eine Menge Bibelworte auswendig. Sie prägten sie sich „ins Gemüt und ins Herz hinein“. Es waren „die Früchte zum Geschmack und Genuss zurechte gemacht“! Dadurch wuchs unter ihnen lebendige Gemeinschaft.

Zinzendorf wusste wohl um das Wagnis, einzelne Bibelworte aus dem Zusammenhang herauszulösen. Er sah aber die noch größere Gefahr, dass das Wort des Lebens nicht in den Alltag hineingenommen würde. „Endlich hab ich’s in Jesu Namen gewagt... Und Gott Lob! es ist viel dabei gewonnen.“ Mit der Gemeinde machte er dabei die Entdeckung: Der lebendige Herr ist durch sein Wort in ihrer Mitte gegenwärtig.

Ursprünglich war die Losung ein Bibelwort oder eine Liedzeile. Nach seelsorgerlichen Gesichtspunkten waren sie ausgesucht, sollten ermahnen, aufmuntern, warnen, trösten und erfreuen. 1731 erschien die erste gedruckte Losung. Im Vorwort schrieb Zinzendorf: „Weil wir nicht wussten, was wir auf einen jeglichen Tag für Umstände haben würden, so überließen wir der Vorsehung, den auf jeden Tag gehörigen Zuruf selbst auszuwählen.“ Sie waren also ausgelost worden. Das war aber nicht durchgängig die Regel. In so manchen Jahrgängen hat sie Zinzendorf auch zusammengestellt. Originell waren die verschiedenen Titel der kleinen Büchlein: „Hoffnung der geringen Leute aus den Exempeln und Ermunterungen der Schrift“ (1742) oder „Des Gottes mit uns Heils-Parole, das ist der Jünger offner Pass aufs Jahr 1744. Darauf versucht ein Zeuge was.“

Zinzendorf fand immer neue Wege, der Gemeinde das Wort nahezubringen. Zu den Losungen kamen andere Textbüchlein hinzu, in denen Bibelworte thematisch zusammengestellt waren. So gab es gesonderte Kinderlosungen. Wie in den Losungen standen auch dort unter dem Bibelwort jedes Mal eine oder auch zwei Liedzeilen; zum Zuruf gehörte die Antwort der Gemeinde.

Eine Seite aus den Losungen von 1731

Neben den Losungen gab es bald regelmäßig in jedem Jahr das Büchlein der Lehrtexte. Sie standen zwar in keinem Zusammenhang mit den Losungen, wurden aber bald mit ihnen zusammen jährlich in einem Band herausgegeben. Erst in unserem Jahrhundert rückten die beiden Bibelworte immer näher zusammen. Zu dem Wort aus dem alten Testament, das ausgelost worden ist, wird ein Wort aus dem neuen Testament gestellt, das dessen Gedanken aufnimmt und weiterführt. Erst seit 1970 sind die beiden Bibelworte nicht mehr durch einen Liedvers getrennt.

Schon bald nach dem Erscheinen der ersten Losung wanderten die Büchlein auch nach Übersee. Die ersten Missionare nahmen sie mit nach Westindien und nach Grönland, nach Suriname und Nordamerika, nach Südafrika und Indien. Auf den Titelblättern der Jahre 1737 und 1739 werden nicht weniger als 38 verschiedene Orte, Gegenden und Länder in vier Erdteilen genannt. Erschienen die Losungen zunächst nur in deutscher Sprache, so wurden sie schon im zweiten Jahrzehnt in Französisch, Englisch und Holländisch herausgegeben. Später kamen andere Sprachen dazu, insgesamt 30, in denen die Losungen ständig oder zeitweilig gedruckt wurden.

Der Brüdergemeine ist mit der Zusammenstellung und Herausgabe des Losungsbuchs eine weitreichende und verantwortungsvolle Aufgabe zugewachsen. Vieles gilt es zu beachten, um dieses Andachtsbuch so zu gestalten, dass es einer möglichst großen Zahl von Menschen zu einem guten und hilfreichen Begleiter werden kann.

Die Überlegungen beginnen bei der Gestaltung der Spruchsammlung, aus der die Losungsworte für jeden Tag des Jahres ausgelost werden. Eine dafür eingesetzte Kommission hat die Aufgabe, diese Spruchsammlung, die gegenwärtig etwa 1700 alttestamentliche Schriftworte umfasst, von Zeit zu Zeit durchzuarbeiten und darauf zu achten, dass in diesen Schriftworten die ganze Breite des biblischen Zeugnisses voll zum Tragen kommt. Kein wichtiges Stück biblischer Verkündigung darf übergangen, kein biblisches Buch bevorzugt, kein Gedanke der Bibel soll über Gebühr betont werden. Auch Fragen der Abgrenzung und Textgestaltung der einzelnen Schriftworte spielen bei dieser Arbeit eine wichtige Rolle.

Aus der Spruchsammlung werden in Herrnhut unter Gebet die Losungen eines Jahres gezogen. Jeweils drei Jahre vor dem Erscheinen der betreffenden Ausgabe muss das geschehen. So lange braucht die Zusammenstellung der einzelnen Tageseinheiten und die Herstellung der fremdsprachigen Losungsausgaben.

Nicht nur in Brüdergemeinen werden die Losungen gelesen. Im Lauf der letzten Jahrzehnte sind sie immer mehr ein ökumenisches Buch geworden, das Christen aus verschiedensten Kirchen, Freikirchen und Gemeinschaften miteinander verbindet.






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